Morgenrot - Tanja Heitmann

 

Prolog   


Mitten in der Nacht   
Die gläserne Eingangstür schwang auf und ließ einen Schwall frischer Nachtluft herein, der Leas nackte Unterarme streifte. Eine willkommene Abkühlung, denn die Luft in der überfüllten Bar war stickig und schwer vom Tabakrauch. Außerdem hatte der Rosé in dem von Feuchtigkeit beschlagenen Glas Lea bereits kräftig eingeheizt: Ihre Wangen glühten, während ein Schweißtropfen im trägen Zickzackkurs ihr Dekolleté hinab glitt und sie schließlich zwischen den Brüsten kitzelte. Erneut presste Lea die brennenden Handflächen auf das Leder der Sitznische, doch das kühle Material bot kaum Linderung. Dabei fand Lea die Hitze gar nicht so unangenehm. Die vielen Menschen, deren Schultern und Rücken sich unentwegt berührten, weil sie eng beisammen saßen und dicht gedrängt an der Bar standen, das Stimmengewirr, untermalt von dröhnender Club-Musik, und das indirekte Licht, das alles weich, beinahe verschwommen erscheinen ließ, hüllten ihre Sinne in samtige Tücher. Gerade bahnte sich ihre Freundin Nadine einen Weg durch die Menge, und Lea winkte ihr mit einem wohligen Lächeln zu. Nadine lächelte zurück, blieb jedoch im größten Gedränge stehen: Ein Mann schien ihre Aufmerksamkeit erregt zu haben, der sich mit einigen Freunden ausgelassen unterhielt. Lea musste den Hals recken, um besser sehen zu können, und was sie zu sehen bekam, ließ sie schmunzeln: Der blondhaarige Mann, den Nadine gerade genüsslich Zentimeter für Zentimeter musterte, war bestenfalls Anfang zwanzig und zeichnete sich vor allem durch breite Schultern aus. Ungeniert schnupperte sie an seinem Nacken, dann warf sie Lea einen vielsagenden Blick zu und ließ die Zungenspitze über ihre Lippen tanzen. Während sich Lea über die Unverfrorenheit ihrer Freundin amüsierte, beugte sich Nadine plötzlich vor und leckte tatsächlich über die bloße Haut am Nacken ihrer Beute. Dann drehte sie sich abrupt um und kam zur Sitznische herüber. Zurück blieb die Gruppe junger Männer, die Nadine mit offenem Mund nachschaute. Nadine gab Lea zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange und setzte sich zu ihr. »Was war das denn für eine Nummer?«, fragte Lea. Doch es gelang ihr nicht, einen angemessen strengen Ton anzuschlagen. An diesem Abend fühlte sie sich überraschend wohl in ihrer Haut, und fand das Macho-Gehabe ihrer besten Freundin, über das sie ansonsten immer schimpfte, sogar unterhaltsam. Nadine schien ihre Stimmung zu erraten, denn sie beugte sich zu ihr und sagte mit übertrieben sinnlicher Stimme, jedes einzelne Wort betonend: »Ich ... liebe ... Frischfleisch.« Lea schüttelte lachend den Kopf und strich sich die dunklen Haare hinters Ohr. In diesem Augenblick fiel es ihr leicht, sich treiben zu lassen. Nur allzu gern wollte sie sich zurücklehnen, niemandem Speziellen ein nettes Lächeln schenken und noch ein weiteres Glas Rosé bestellen. Dennoch verspürte sie eine innere Unruhe, ein beharrliches Warnsignal im Hintergrund. Zwar war es nur ganz schwach, aber es sorgte dafür, dass Lea fremde Gesichter inspizierte, anstatt ihren Blick einfach entspannt umherschweifen zu lassen. Nadine hatte Leas Bedürfnis, ständig ihre Umgebung im Auge zu behalten und alles und jeden sofort zu bewerten, einmal mit dem Terminator verglichen. »Ich könnte schwören, dass da sogar ein kleines rotes Licht hinter deiner Iris leuchtet«, hatte Nadine in ihrer herausfordernden Art gesagt und dabei den Zeigefinger dicht vor Leas Auge kreisen lassen. »Das erklärt auch, warum du immerzu so schrecklich beherrscht bist und am liebsten von früh bis spät vorm Computer hockst: Du bist ein Roboter, den man in einen Frauenkörper gesteckt hat. Nur dass dieser Roboter nichts mit seiner netten Hülle anzufangen weiß.« Anstatt der Freundin eine passende Antwort zu geben, wie es eigentlich unter ihnen üblich war, hatte Lea lediglich ertappt geblinzelt. Passte dieser Vergleich doch erschreckend genau. Sobald Lea die Sicherheit ihrer Wohnung oder des Verlages verließ, funktionierte ihr Gehirn wie das dieser Maschine: Alle erhältlichen Daten wurden umgehend ausgewertet, während ein im Sekundentakt blinkendes Licht signalisierte, ob alles im grünen Bereich war. Gelegentlich schaltete es auf Rot, wenn ihr Blick plötzlich einen Mann mit lässigen Bewegungen streifte oder jemand sie unerwartet berührte. Dann stockte Lea der Atem so lange, bis ihr Verstand das erlösende Wort »Fehlermeldung« durchgab. In all den Jahren hatte sie sich daran gewöhnt, mehrere Male pro Tag vor Furcht zu erstarren. An diesem Abend in der Bar war es Lea zum ersten Mal seit langer Zeit gelungen, das sensible Suchraster in ihrem Kopf einzudämmen. Doch jetzt kehrte die Aufmerksamkeit allmählich wieder zurück und zerstörte das Gefühl, Teil der berauschten und flirtenden Menge zu sein. Sie wurde wieder die Lea, die sich an öffentlichen Orten nur sicher fühlte, wenn sie sämtliche Fluchtwege im Auge behielt. Die Lea, die seit Jahren einfach alles unter Kontrolle haben musste. Ihre Finger fuhren über die rötlich schimmernden Vernarbungen auf ihrer Wange. Es sah aus, als habe sie ein feiner Funkenregen gestreift. Zwar waren die Narben schon leicht verblasst und nur auf den zweiten Blick unter dem sorgfältig aufgetragenen Make-up zu erkennen, aber ihre Fingerspitzen kannten jede einzelne Vertiefung, so oft waren sie schon über sie hinweggeglitten. Lea spürte einen Anflug von Bitterkeit, schüttelte ihn jedoch mit einem Seufzen ab. Was nützten schon die ganzen Überlegungen? Schließlich hatte sie noch nie zu diesen hingebungsvoll feiernden Wesen gehört, die sich mit Haut und Haaren auf den Moment einlassen konnten ­ Terminator-Radar hin oder her. Der spezielle Zauber, der einen auf den Tischen tanzen und flirten ließ, war Lea einfach nicht gegeben. Deshalb hatte sie sich auch damit abgefunden, zur ewigen Wachsamkeit verdammt zu sein, die einem jede Leichtigkeit nahm. Nun, vielleicht nicht ganz. Denn nach wie vor gab es einige unbeugsame Bereiche in ihrem Inneren, die rebellierten und Lea in Versuchung führten: Ich habe eine anstrengende und erfolgreiche Woche im Verlag hinter mir, dachte Lea. Nach dem großartigen Abschluss heute, habe ich ein Recht auf etwas Vergnügen. Diese Bar ist so ein pulsierender und aufregender Ort. Erstaunt stellte Lea fest, wie sich bei diesen Gedanken ihre Rückenmuskulatur entspannte. Dermaßen ermutigt, spann sie den Gedanken fort: Und die gute Nadine ist heute Abend ganz besonders entzückend. Ich darf ihr auf keinen Fall schon wieder einen Strich durch die Rechnung machen, indem ich an meinem Wein nippe und mich nach zehn Minuten mit einer fadenscheinigen Ausrede aus dem Staub mache. Das hat sie nun wirklich nicht verdient, nachdem sie immer so geduldig mit mir ist. Entschlossen stürzte Lea den letzten Schluck Rosé hinunter und bestellte einen weiteren bei dem ausgesprochen attraktiven Kellner. Kurz flackerte die alte Furcht auf, doch Lea schob sie beiseite. Sie wollte sich amüsieren, mit ihrer Freundin plaudern und lachen. Punkt. Mit einer betont lässigen Geste nahm Lea das volle Weinglas entgegen und schenkte dem Kellner ein umwerfendes Lächeln, um im nächsten Moment überrascht zu Boden zu schauen. Wer hätte nach all der Zeit gedacht, dass sie zu so etwas imstande sei? Hätte sie dieses verführerische Lächeln auch nur eine Sekunde länger aufrechterhalten, dann wäre der Kellner, dessen Hintern alle weiblichen Gäste mindestens schon einmal an diesem Abend mit entrücktem Blick begutachtet hatten, am Ende noch neben ihr niedergesunken. Verwirrt drehte sich Lea zu Nadine um, die ebenfalls einen verblüfften Eindruck machte, sich aber wesentlich schneller wieder unter Kontrolle hatte. »Meine süße Lea«, sagte Nadine mit einem anzüglichen Lächeln, »das war ja eben ganz großes Kino. Verrätst du mir, wie lange du für diesen Auftritt vorm Spiegel geprobt hast?« »Niemals«, erwiderte Lea lachend und prostete ihrer Freundin zu. Der Wein prickelte auf ihrer Zunge, und ein zufriedenes Lächeln bereitete sich auf Leas Gesicht aus. Die Zeit flog dahin, während sie sich zusehends entspannte und dem unterhaltsamen Geplauder ihrer Freundin lauschte ­ bis es plötzlich ins Stocken geriet. Es dauerte ein wenig, bis Lea in ihrer Trägheit bewusst wurde, dass ihre Freundin schwieg. Neugierig musterte sie Nadines Gesicht, auf dem sich verzückte Erregung spiegelte: Die rot geschminkten Lippen waren vor Anspannung geschlossen und zitterten leicht, und ihr stets Energie versprühender Körper vibrierte vor Anspannung. Noch wurde die Beute beobachtet, aber gleich würde Nadine aufspringen und sich ohne Gnade auf sie stürzen. »Er schaut schon eine ganze Zeit lang in unsere Richtung«, sagte Nadine und bestätigte damit Leas Vermutung. Dabei gingen die einzelnen Worte wegen ihrer unversehens heiser gewordenen Stimme beinahe im Lärm der Bar unter. »Also, er ist recht groß. Netter Anzug, toller Körperbau und ein klassisches Gesicht, wirklich ganz erstaunlich schön geschnitten. Leider hat er das Haar zurückgekämmt ... Ich weiß nicht recht: dunkelblond? Auf jeden Fall leicht gewellt. Was soll ich sagen: Der Mann ist ein wandelnder Höhepunkt.« Während Nadine sprach, schaute sie unverwandt das Objekt ihrer Begierde an. »Himmel, was für ein eindringlicher Gesichtsausdruck ­ ich würde glatt der ganzen Bar eine Runde ausgeben, wenn ich dafür seine Gedanken lesen könnte. Da kann nur irgendetwas Verdorbenes sein.« 

Lea konnte ein angetrunkenes Kichern nicht unterdrücken ­ dieser schöne Mann war verloren. Obwohl sie ihre Freundin noch nie auf Männerjagd erlebt hatte, da sie Partys normalerweise früh verließ, hatte sie schon einige Geschichten über Nadine auf der Hatz gehört. Schließlich machte sie keinen Hehl aus ihren Bedürfnissen. »Tu mir den Gefallen und riskier mal einen Blick«, forderte Nadine sie nun auf. »Ich möchte nämlich gern deine Meinung hören, bevor ich mich auf den Weg zur Bar mache: Frauenbeglücker oder Triebtäter?« Wie befohlen, ließ Lea die Augen durch die Menge wandern, und obgleich ihr einige gut aussehende Männer auffielen, entsprach keiner Nadines Beschreibung. Gerade als sie Nadine um bessere Koordinaten bitten wollte, traf sie ein Blick direkt. In Sekundenschnelle schaltete Leas Alarmsystem auf Rot. Ihre Bauchmuskeln zogen sich schmerzhaft zusammen. Ihre Lungen streikten, als hätte sie einen mörderischen Schlag abbekommen. Lea erwiderte den Blick noch lange genug, um festzustellen, dass er zu einem Mann in der Nähe der Bar gehörte. Ruckartig senkte sie das Kinn bis auf die Brust. Panik machte sich in ihr breit und legte alle Hebel hinter ihrer Stirn um. Nadines Geschnatter an ihrer Seite wurde zu einem monotonen Rauschen. Der Wein kroch ihr bedrohlich die Speiseröhre hinauf. Ihre Hände, die glücklicherweise unter der Tischplatte verborgen waren, begannen wie Schmetterlingsflügel zu flattern. Ihr Gesicht war kreidebleich, selbst ihre Lippen hatten die Farbe verloren. Eine Flucht war undenkbar. Selbst wenn Lea ihren Körper unter Kontrolle gehabt hätte, so war doch ein Raum voller Menschen der nachtgrauen Straße, auf der sich bei diesem frostigen Novemberwetter niemand aufhielt, hundertmal vorzuziehen. Während Lea sich selbst nach Luft japsen hörte, forderte Nadine, deren Stimme einen nervösen Zug angenommen hatte, ihre Aufmerksamkeit. Doch Lea war nicht bereit, irgendjemandem in diesem Raum Beachtung zu schenken. Die Furcht, die ihre Seele und ihren Körper in einem eisernen Griff hielt, raubte ihr fast den Verstand, drohte sie zu vernichten. Mit einer immensen Willensanstrengung gelang es ihr, darüber nachzudenken, was sie eben gesehen hatte. Lediglich ein paar Augen ­ nein, noch nicht einmal das. Nur einen Ausdruck, an den sie sich zu erinnern glaubte. Sollte sie einen zweiten Blick riskieren? Vielleicht hatte sie sich ja getäuscht? Wie oft war ihr das in den letzten Jahren schließlich passiert. Sie musste lediglich aufschauen, um festzustellen, dass sie sich geirrt hatte. Dann würde ihr inneres Warnsystem den Ausnahmezustand beenden. Aber Lea spürte instinktiv, dass es dieses Mal anders war. Während die Panik nämlich weiterhin ihren gesamten Körper lähmte, fühlte sie zugleich das altbekannte Kribbeln und Ziehen, das sich vom Zentrum ihres Bauchs auszudehnen begann. Das unverkennbare Zeichen, dass er sich wirklich in ihrer Nähe befand. Ich bin verloren! Der Gedanke brannte sich in Leas Bewusstsein und weckte die Erinnerung an den Liebestaumel, der der Furcht vorangegangen war. Das stehe ich nicht noch einmal durch. Ich muss sofort etwas unternehmen, mich in Bewegung setzen, schreien ... irgendwas! Himmel, was mache ich bloß? Leas Gedanken drehten sich im Kreis, bis ihr die Entscheidung abgenommen wurde. 

Als die dunkle Gestalt neben ihr auftauchte, biss Lea die Zähne zusammen, bis der Kiefer schmerzte, und starrte hilflos geradeaus. Schweiß bedeckte ihre Stirn, aber sie war unfähig, die Hand zu heben und ihn wegzuwischen. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass er nicht einmal eine Hand breit von ihr entfernt stehen blieb. Ein Teil von ihr, den sie zu hassen gelernt hatte, sehnte sich danach, diese Distanz zu überbrücken. »Es ist schön, dich wiederzusehen«, sagte er mit seiner betörenden Stimme. 

 

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